Wilfried Wang
Metamorphose - Strukturwandel

Die dicht besiedelte Region um Neuss und Düsseldorf präsentiert sich wie ein Raumzeitausschnitt der Wandlungen, die diese Region durchlebt hat. Da liegen römische Spuren neben christlichen Klöstern in ihren Gärten, Renaissance Wasserschlösser neben gutsherrlich umschlossenen Landwirtschaften. Da stehen Kraftwerke, Stahlhütten und der Tagebau neben intensiv übernutzten Feldern mit Zuckerrüben und Kartoffeln. Da reihen sich planlos gewordene Orte an autobahnähnlich ausgebauten Netzstraßen, deren Zusammenwachsen nur durch mangelndes kommunales Zugriffsrecht auf Industriebrachflächen und Militärgelände noch verhindert wird.

In einer solchen komplexen, vielseitigen und zugleich ortloser werdenden Landschaft wurde bereits durch die Museum Insel Hombroich ein Gegenmodell geschaffen. Die Museum Insel stützt sich auf eine Semantik und eine Lebensform, die als qualitatives Gut das Aufheben von Zeit, Verstetigung von Gedanken und Formen, Formfindung ohne kanonische Prinzipien, Respekt vor der Natur anstrebt.

Hombroich Raumortlabor stellt sich konkret diesen Fragen. In der unmittelbaren landwirtschaftlich genutzten Nachbarschaft der Museum Insel Hombroich, vor über zwanzig Jahren von dem ehemaligen Immobilienkaufmann Karl-Heinrich Müller ins Leben gerufen und mit seiner bedeutenden Kunstsammlung zu einer landeseigenen Stiftung ausgestattet, und der auf einem offenen Plateau liegenden ehemaligen NATO Raketenstation planen eine Gruppe von Bildhauern und Architekten Quartiere für alternative Lebensformen.

Standen vor einem Jahrhundert die Mitglieder der Gartenstadt-Bewegung in England oder auf dem europäischen Festland vor ähnlichen Fragen, so ist das Thema Landflucht im Kontext der stark besiedelten Kleinstadtstruktur Nordrhein-Westfalens irrelevant: hier ist die von Thomas Sieverts beschriebene "Zwischenstadt" in unterschiedlichen Schattierungen bereits seit Jahrzehnten präsent.

Waren die Werkbund-Siedlungen vor siebzig Jahren von einem gemeinsamen konstruktiven Hintergrund ausgegangen um einen neuen, gesünderen und moralisch besseren Menschen zu formen, so ist das reformerische Ziel nicht mehr die architektonisch bestimmte Menschheit, sondern die raumstrukturelle Absicherung ihrer Überlebensfähigkeit.

Gab und gibt es nach wie vor die missionarischen Architekten wie Frank Lloyd Wright oder Paolo Soleri, so ist heute die exklusive Übersetzung einer einzigen Architektursprache an ihre wahren Grenzen der öffentlichen Akzeptanz gestossen: weder die einförmigen Stadtentwicklungen der Nachkriegsjahre noch die Großsiedlungen der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts in Ost und West konnten die Nutzer und Kritiker überzeugen. Als einziges Vermächtnis dieser Jahre blieb allen Alexander Mitscherlichs Erkenntnis von der "Unwirtlichkeit" der neuen Stadt.

Hombroich Raumortlabor ist ein behutsames Experimentierfeld. Den Planungen gemein ist das von allen Planern beschlossenes Manifest. Darin wird als zentraler Gestaltungsansatz die Herstellung von Wald, Wildwiesen und Obst- und Kräutergärten mit einem 90%igen Anteil der Gesamtfläche jedes Quartiers bestimmt. Wald und Wildwiesen sollen der Öffentlichkeit zugänglich sein. Obst- und Kräutergärten können von den Anrainern bewirtschaftet werden. Lediglich 10% der Fläche wird überbaut.

Das Hombroicher Manifest ermöglicht darüber hinaus verschiedene Ansätze und Vorstellungen, wie der Leser dieses Katalogs erkennen wird. Es werden hier ein Dutzend Ideen vorgestellt. Ebenfalls erkennbar sind Gemeinsamkeiten wie robuste Bautypologien, die über die Zeit unterschiedliche Nutzungen beherbergen können, oder intensive Beziehungen zwischen Bauten und ihrer umgebenen Landschaft, oder die Einbeziehung solarer Energie.

Die Planer stehen am Anfang eines langwierigen Prozesses, der von vielen Beteiligten mitbestimmt wird. Der Anstoß für Hombroich Raumortlabor kommt, wie im Falle der Museum Insel Hombroich, von Karl-Heinrich Müller. Man darf ihn in der Folge Elzeard Bouffiers sehen, der nach Jean Gionos Erzählung in "Der Mann, der Bäume pflanzte", über vier Jahrzehnte still aber beharrlich eine karge Landschaft im Vertrauen in den von ihm geförderten Baumwuchs zu einer wieder bewohnbaren Region wandelte.

Selbstverständlich gibt es grundlegende Unterschiede sowohl im Handeln als auch im Kontext der beiden Personen Müller und Bouffier. Aber diese Unterschiede sollen nicht darüber hinweg täuschen, daß beide die Notwendigkeit erkannt haben, daß die Erstellung einer symbiotischen Beziehung zwischen Vegetation und Menschen die Voraussetzung zum überleben beider ist. Diese Überzeugung eint das Experimentieren aller im Raumortlabor.

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